Esel des Monats


 

 

Seit 2008 vergeben wir die Auszeichnung Esel des Monats.

Diese geht monatlich an ein aus der Menge der Neuheiten herausragendes Buch, auf das sich ein zweiter, dritter, vierter Blick lohnt.

 

 

Der „Esel des Monats“ geht im April an:

 

 

Anne-Laure Bondoux: Der Mörder weinte. A. d. Franz. v. Maja von Vogel, Carlsen 2014, 270 S., ab 14, € 14,90. ISBN 978-3-551-58309-3

 

Der Leser weinte

 

Wenige Sätze genügen Anne-Laure Bondoux, um den Leser ins südchilenische Outback zu verfrachten. Umbarmherzig die Landschaft. Umso überraschender, wenn in der Kargheit eine Art Familienglück gedeiht: Paolos Familie zwischen Ziegen und Pampagras. Bis ein Fremder den zärtlichen Blick, den der Junge auf seine raue Welt hat, für alle Zeiten trübt. Er tötet die Eltern und bleibt.

 

Bondoux trifft haargenau den Ton zwischen Marquesscher Fantastik, Allendescher Gefühligkeit. Ihre ganz eigene Stimme macht das Drama zu einem experimentellen Entwicklungsroman. Literarisch, schnörkellos und, bei aller Brutalität, voller Poesie. Eine Abenteuerreise in die innersten Abgründe der Seele, wenn der Massenmörder plötzlich den Hauch einer Ahnung davon bekommt, was Liebe sein könnte. Paolo, in einer Mischung aus Stockholmsyndrom und Überlebenswillen, schockbedingter Verklärung und Sehnsucht nach Bildung, klammert sich an den einzigen Strohhalm, der ihm ein Weiterleben in der Unwirtlichkeit ermöglicht: das Arrangieren mit dem Mörder seiner Eltern. Wie dann eine Reise, ein neuer Eindringling und die Kraft der Metaphysik Paolos Welt bereichern, ist eine Mischung aus klassischem Schelmenstück und knallhartem Western. Dabei überrascht der Sprachduktus immer wieder durch hoch sensible Wendungen oder Schockwirkung. Man kann von diesem Buch nicht unberührt bleiben, und obwohl es eine Art Happy End hat, ist nichts happy darin – außer dem Trost, dass in allem, selbst im Schrecklichsten, ein Korn für mögliches Glück stecken könnte.

 

Der Mörder weinte ist ein Überlebensbuch, ein Krimi, eine Groteske mit der sprachlichen Wucht einer Präzisionsschreiberin, der nichts Menschliches fremd ist. Ethische Tiefe, menschliche Psyche und auratische Kulisse finden in einem fesselnden Plot zusammen.

 

Christine Paxmann

 

 

 

 

Hier finden Sie die vorangangenen Esel des Monats.

 

Februar 2014

Januar 2014

 

Esel des Monats im Jahr 2013

2013

 

Esel des Monats im Jahr 2012

2012

 

Esel des Monats im Jahr 2011

2011

 

Esel des Monats im Jahr 2010

2010

 

Esel des Monats im Jahr 2009

2009

 

Esel des Monats im Jahr 2008

2008


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