
Seit 2008 vergeben wir die Auszeichnung Esel des Monats.
Diese geht monatlich an ein aus der Menge der Neuheiten herausragendes Buch, auf das sich ein zweiter, dritter, vierter Blick lohnt.
Der „Esel des Monats“ geht im Mai an:
Nikolaus Nützel/Rattelschneck (Illu.): Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. cbj 2013, 222 S., ab 12, € 19,99 (D), € 20,60 (A), SFr 28,50. ISBN 978-3-570-13847-2
Wer bin ich und Wenn ja, warum?
Nikolaus Nützel, Spezialist für geistreiche Jugendsachbücher, hat sich diesmal eine schwere Aufgabe gestellt: Nicht weniger als eine, so das Vorwort, „Soziologie für im Geiste junge Leser“ sollte es werden. Und tatsächlich spannt er den ganz großen Bogen über alle erdenklichen Gesichtspunkte des zwischenmenschlichen Miteinanders, von Gott über Gummibärchen zur Gerechtigkeit, von der peer group zur Perversion – immer entlang der Leitfrage, ob all diese Dinge mehr als soziale Konstrukte sind.
In unprätenziösem Plauderton schreitet Nützel diese selbstgesetzten Wegmarken ab, ohne an den richtigen Stellen Angst vor großen Fachbegriffen zu zeigen. So trifft er den sweet spot frühpubertärer Sinnkrisen, und der jugendliche Leser fühlt sich zu Recht in seinen heimlichen Fragen und Ängsten ernst und an der Hand genommen.
Der schnelle Gang durch die Themen ist gleichzeitig der größte Vor- und Nachteil des Bandes: In der pointierten Darstellung gelingt es dem Autor, verblüffende Parallelen und Paradoxien unseres Alltagsverhaltens herauszuarbeiten, etwa wenn er am Beispiel von Philipp Rösler Sozialisationsmechanismen und Rollenkonflikte nachzeichnet. Auch die Skizze einer typischen Politikerkarriere vom Idealisten zum Machtmenschen ist bestechend, wenn auch wenig tröstlich. Manchmal wünscht man sich, zumindest als etwas älterer Leser, jedoch einen Hauch mehr Tiefe: Vom Urheberrecht über Homosexualität und funktionalen Atheismus zum freien Willen in fünfzehn recht grosszügig gesetzten Druckseiten – da wird es schon etwas arg rasant. Das ist aber auch das einzige, was man an diesem pfiffigen Sachbuch aussetzen kann, dem durch die kongenialen Illustrationen von Rattelschneck, die einzelne Aspekte noch einmal absurd überhöhen, das Sahnehäubchen aufgesetzt wird.
Johannes Rüster
Hier finden Sie die vorangangenen Esel des Monats.
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