
Seit Februar 2008 vergeben wir wieder die Auszeichnung Esel des Monats.
Diese geht monatlich an ein aus der Menge der Neuheiten herausragendes Buch, auf das sich ein zweiter, dritter, vierter Blick lohnt.
Der Esel des Monats September geht an:
Janne Teller: Nichts – Was im Leben wichtig ist. A. d. Dän. v. Sigird C. Engeler, Hanser 2010, 144 S., ab 13, € 12,90 (D), € 13,30 (A), sFr 19,90. ISBN 978-3-446-23596-0
Als Hörbuch bei HörbuchHamburg/Silberfisch: Gelesen v. Laura Maire, 3 CDs, ab 13, € 17,95, sFr 34,50. ISBN 978-3-86742-681-7
Viel Lärm ums Nichts
Nihilismus in den Menschen nicht neu. Ein prominenter Vertreter desselben findet sich bei Goethe: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, das es zugrunde geht; drum besser wär’s, dass nichts entstünde …“ Mephisto, der große Versucher, sprach’s und schockte damit seinerzeit den Gelehrten Faust. In einer moderneren Variation liest sich dergleichen so: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“ Doch dürfen wir Jugendliche derart Zweifeln lassen?
Janne Teller, dänische Autorin, hat es gewagt und in ihrem ersten Jugendbuch diese Zweifel einem Teenager in den Mund gelegt: Pierre Anthon. Zu Beginn des neuen Schuljahres spricht er plötzlich eben jenen Satz und verlässt ostentativ das Klassenzimmer, um sich in einem Pflaumenbaum niederzulassen. Sein Auftritt wirkt wie ein Paukenschlag. Die Erwachsenen wollen ihn schnell vergessen. Doch die Saat des Zweifels ist gesät. Ist in Sekundenschnelle aufgegangen. Die Gleichaltrigen fühlen sich – vielleicht mehr noch als die Erwachsenen – bedroht von der großen schrecklichen Leere, die Pierre Anthon da auf sie losgelassen hat. Und dieser sorgt mit Vehemenz dafür, dass sich der tröstende Mantel des Vergessens nicht darüber legen kann: Fortan verhöhnt er seine ehemaligen Mitschüler von nämlichem Pflaumenbaum aus lauthals. Schreit ihnen immer wieder die Nichtigkeit ihres Daseins entgegen. Damit wird er, gleich Mephisto, zum großen Versucher, dem die Jugendlichen ausnahmslos erliegen.
Er stürzt die Jugendlichen in existenzielle Angst. Ihre unmittelbare Antwort: Gewalt. Als sie damit nichts erreichen, muss eine andere Lösung her: Auf dem „Berg der Bedeutung“ wollen sie Bedeutsames sammeln und mit seiner Hilfe dem Skeptiker zeigen, dass Bedeutung existiert. Den Ketzer bekehren.
Berg der Bedeutung. Eine wunderbare Idee eigentlich. Doch irgendwie läuft alles falsch und die Sache schnell aus dem Ruder. Der Berg der Bedeutung wird zum Opferberg, auf dem sie sich selbst und alles, was ihnen wichtig ist, darbringen.
Es beginnt wie ein Spiel. Das letzte Spiel ihrer Kindheit. Es raubt den Jugendlichen die Unschuld. Vollkommen und unwiederbringlich. Sie finden schnell ein perverses Vergnügen daran, einander zu quälen, indem sie sich gegenseitig zur Aufgabe dessen zwingen, was ihnen etwas bedeutet. Sie sind einfach zu einer subtileren Form der Gewalt übergegangen, haben sie gegen sich selbst gewendet. Ein Albtraum, dem sich keiner zu entziehen vermag. Bis zum bitteren Ende.
Teller zeichnet dies alles so gestochen scharf, dass man sich an den Kanten schneiden kann. Ein schmerzhaftes Beispiel dafür, dass der Weg zur Hölle in der Tat viel zu oft mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Für Gruppendynamik mit der Sogkraft und Zerstörungswut eines Tsunamis.
Janne Teller hat in der Tat ein verstörendes Buch geschrieben. Ein Buch, das neben aller Dunkelheit jedoch auch voller Weisheit steckt. Nichts – Was im Leben wichtig ist ist pointiert wie ein Gedicht, von überwältigender sprachlicher Direktheit wie Klarheit und hat dabei so viele Ebenen, dass man ihnen wohl kaum allen auf die Spur kommt. Da ist der „Kampf um die Bedeutung“, in dem die Jugendlichen den Dingen, Symbolen und Lebewesen eben das nehmen, wonach sie suchen: Bedeutung. Anstatt sich der Frage zu stellen, suchen sie nach fertigen Antworten. Greifen Ertrinkenden gleich nach dem Offensichtlichen, und können es nicht ertragen, als es unter ihren Fingern zerrinnt. Weil Bedeutung schlicht nichts Gegebenes ist; sie muss in jedem Moment neu geschaffen werden.
Da ist der radikale Skeptiker Pierre Anthon, der sich selbst widerlegt, eben indem er auf diesen Baum steigt und schon fast verbissen für sein „Nichts bedeutet irgendetwas“ eintritt. Da ist die Wahrheit, die zu einem Mehrheitsvotum verkommt. Und, und, und.
Dieses Buch bringt seine Leser dazu, Fragen zu stellen und sich nicht mit einfachen Anworten zufrieden zu geben. Lektüre wie geschaffen für den dringend notwendigen Ethik-Unterricht.
Sylvia Mucke
Hier finden Sie die vorangangenen Esel des Monats.
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Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Esel des Monats im Jahr 2009
2009
Esel des Monats im Jahr 2008
2008
